
Moderne Kunst auf dem Kinderspielplatz der Landesgartenschau (LGS)? Wer das Klettergerüst sieht, muss sich von eingefahrenen Vorstellungen über Spielplätze verabschieden - und überlegt zweimal, ob er die eigenen Kinder losklettern lässt.

Verantwortlich für das Klettergerüst ist der Bildhauer Florian Aigner aus München, der schon an die 50 Spielplätze gestaltet hat. Die meisten davon in Deutschland, aber auch in der Schweiz und in Thailand war er tätig. Doch egal für wen Aigner sie plant - seine Spielplätze sind immer Ausdruck seiner ganz persönlichen Philosophie: „Kinder müssen den Umgang mit Gefahr schon so früh wie möglich lernen“, sagt er. „Auf meinen Spielgeräten wird Gefahr optisch dargestellt und das Kind hat ein ständiges Kribbeln im Bauch. Aber in Wahrheit sind die Geräte natürlich nicht gefährlich. Die Kinder sehen die Gefahr und lernen davon.“ Den Auftrag für die Trierer LGS 2004 bekam Aigner vom Büro des Landschaftsarchitekten Helmut Ernst, das damals mit der Gesamtplanung der Landschaftsarchitektur auf dem Petrisberg beauftragt war.

„Florian Aigner ist schon seit 12 Jahren auf diesem Sektor tätig. Alle seine Geräte werden vom TÜV abgenommen. Also sind sie auf keinen Fall gefährlich“, urteilt Helmut Ernst über seinen Partner. Auf keinem von Aigners Spielplätzen ist je etwas Ernsthaftes passiert, das Schlimmste sei eine gebrochene Hand gewesen. „Der TÜV hält meine Spielplätze für die sichersten überhaupt. Bei mir gibt es halt keine ebenen Flächen. Ich habe nur Stolpersteine eingebaut“, sagt Aigner. „Sobald das Kind nämlich denkt 'Das kann ich schon alles, da muss ich nicht mehr aufpassen', klammert es die Gefahr aus und wird unvorsichtig. Bei mir müssen die Kinder immer aufpassen und deswegen passiert auch nichts“, so Aigner selbst. Auch die Angst, die Kinder könnten mit Holzsplittern in den Händen nach Hause kommen, ist unbegründet. Aigner schneidet sein Holz mit Handmaschinen zu und folgt dabei immer der natürlichen Maserung des Holzes, so dass keine abstehenden Splitter entstehen können. Mit Absicht verwendet er keine bunten Farben, wie andere Spielgerätehersteller es tun, sondern belässt das Holz in seinem Naturton. „Ich lasse die Natur ihre eigene Sprache sprechen. Meine Spielgeräte sollen in der Natur aufgehen. Sie sollen darin verschwinden, so dass die Kinder sie erst finden müssen. Das kommt ihrem Entdeckungstrieb entgegen“, erklärt Aigner.

Ein Blick auf das Klettergerüst an einem Sonntagnachmittag zeigt, dass die Kinder ihrem Entdeckungstrieb nachkommen und die verschiedenen Stufen des Turms erklettern. Der 14-jährige Johannes ist begeistert: „Man findet immer noch mal einen Ast, wo man hochklettern kann. Und wenn man oben ist, hat man eine Superaussicht.“ Max (8) gefällt der Turm nur bis zu einer gewissen Stelle: „Ich wollte nicht zur Rutsche hoch. Ich wollte da nicht runterfallen. Da war so eine Stelle, da kam ich nicht mehr weiter und dann bin ich wieder runter.“ Und das ist das Prinzip des Turms, auf das Aigner baut: Sobald ein Kind Angst bekommt, tritt es den Rückzug an. So wird der Turm zu einem Erlebnis für verschiedene Altersklassen. Die Älteren wagen sich nach oben, die Jüngeren wählen meist den Weg über die Rutsche nach unten. Auch die Eltern scheinen die Philosophie Aigners zu teilen: „Ich denke, wer sich hoch traut, der traut es sich zu und der schafft es auch“, sagt Martina Puschmann, die ihre drei Kinder auf das Klettergerüst gelassen hat. Vor allem das Außergewöhnliche an Aigners Kletterturm wird gelobt. „Das ist toll. Endlich mal nicht so ein Standardding wie es auf jedem Spielplatz steht. Kinder müssen doch auch mal lernen, ein Risiko einzugehen“, äußert sich Hans-Ulrich Tappe, ein Vater, dessen Kinder sich auf dem Klettergerüst austoben. „Sie erleben heute viel zu wenig Natur, dürfen nichts mehr machen und alles ist immer abgesichert. Von daher ist so was mal was ganz Tolles und was Ungewöhnliches.“

Für die Dauer der Landesgartenschau scheint Aigners Klettergerüst eine echte Bereicherung gewesen zu sein. Die Angst vor schneller Verwitterung der Baustoffe hat sich nicht bestätigt, was Florian Aigner auch zu Zeiten der LGS schon prophezeit hat. Sein erster Spielplatz, gebaut vor 12 Jahren in Ingolstadt, steht bis heute. Das von Aigner verwendete Holz ist unbehandelt, jedoch verwendet er nur Eichenholz, und das hat einen hohen Eigenschutz. Außerdem sind die Pflöcke nicht direkt in den Boden eingelassen, sondern durch Stahlrohre im Boden befestigt; dadurch gelangen keine Bakterien vom Boden ins Holz und es hat eine lange Überlebensdauer. Auch Vandalismus war nie ein Problem auf Aigners Spielplätzen. Dadurch dass die Geräte den Anschein erwecken, sie seien leicht zu zerstören, stellen sie gerade keine Herausforderung für jugendliche Randalierer dar. „Ich will, dass die Leute merken 'Da hat sich jemand richtig Mühe für uns gemacht.' Dann stimmt auch das Ambiente und sie fühlen sich wohl.“ Und auch heute, zwei Jahre nach der LGS, zieht der Kletterturm kleine und große Abenteurer magisch an. Probleme mit Zerstörungswut gebe es auf keinem der Spielplätze, sagt Klaus Scherer, Prokurist der Petrispark GmbH.
Wie auf jedem Spielplatz gibt es auch auf dem Gelände des Petrisbergs eine strenge Benutzungsordnung mit Verhaltensregeln, die aber im Gegensatz zu anderen Stadtspielplätzen überwiegend eingehalten werden. Laut Scherer liegt das zum einen an den nächtlichen Kontrollgängen, die von einem Hausmeisterservice übernommen werden, zum Großteil aber an der besonderen Qualität der beiden Spielplätze. „Die Leute erkennen den hohen Spielwert unserer Spielplätze“, sagt Scherer. „Und sie haben demnach keinen Grund, etwas kaputt zu machen.“
Bisher habe es nur einen Fall von mutwilliger Beschädigung gegeben: die Klangkugeln am Wasserspielplatz seien professionell abgetrennt worden, sagt Scherer. Er vermutet, dass es sich weniger um Zerstörungswut handele als um den Bedarf an solchen Kugeln, zum Beispiel zum Boccia spielen. Darauf weise die Tatsache hin, dass die Kugeln mit einem Bolzenschneider säuberlich abgetrennt wurden. Dennoch sei dieser Diebstahl ein herber Verlust; zum einen für die Kinder, denen ein Spielgerät fehlt, zum anderen für die Betreiber, die 2 500 Euro für dieses Klangelement gezahlt haben.
Dass die Spielplätze auch weiterhin von allen Besuchern pfleglich behandelt werden, versprechen sich die Betreiber von Wartungen und Instandhaltungen, die es ermöglichen, die Spielplätze auf einem stets hohen Niveau zu erhalten. Dadurch bleibe der Spielwert und es gebe in Zukunft keinen Grund, auf den Spielplätzen seine Zerstörungswut auszulassen.
Text: Rabea Amri (aktualisiert von Silke Rossmann)
Fotos: Katrin Peters, Yue Liu